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Bequem sind die Sender, nicht die Hörer – das waren die Radio Days Europe 2012

Die Radiodays Europe 2012 sind Geschichte. Im sonnigen Barcelona trafen sich über 700 internationale Radiomacher, um zwei Tage die aktuellen Entwicklungen und Perspektiven des Radios zu diskutieren. Die Digitalisierung macht wie bei allen klassischen Medien auch vor dem Radio keinen Halt und daher bemühte man sich um neue Lösungen. Doch nicht überall wurden die zwingenden Veränderungen mit der notwendigen Konsequenz gefordert.

Hallo Social Media

Dass dabei noch ein langer Weg bevor steht zeigte bereits die erste von uns besuchte Session eines insgesamt sehr guten Konferenzprogramms. BBC UK in Persona von Clair Wardle und Brett Spencer sprachen über „Social Media: What must Radio Station do to survice?“

Radio Days Europe PosterDie BBC sucht aktiv nach Inhalten und Geschichten die sie auf bisherigen Wegen nicht auffinden können, um diese im Programm zu verwenden. Auch wenn – oft betont – die Kommunikation mit dem Hörer im Vordergrund steht, so beschränkten sich die gezeigten Szenarien auf eine verlängerte Fundgrube für On-Air Content mit Livecharakter. Der dabei entstehende Stress für Redaktionen wurde nicht näher beleuchtet. Die BBC UK ist ein großes Medienhaus und die Antwort nach der Übertragbarkeit auf kleinere Radiosender bleibt aus. Insgesamt ein guter Einstieg in die Thematik Social Media, aber wenig reflektiert. Ob dies fehlender Langzeiterfahrung oder mangels Alternativen geschuldet ist bleibt unklar.

Social Media wurde in einer weiteren Session von Michael Praetorius aufgegriffen und stärker zugespitzt. „Radio must think online and social media first“ lieferte einen soliden Überblick mit guten Lösungsansätzen für strategische Nutzung des Social Webs in seiner Gesamtheit auf technischer, inhaltlicher und kommunikativer Ebene.

DAB+ ist die Antwort aller Probleme?

Zukünftige Infrastrukturen sind noch immer ein heißes Thema. Schlagwort ist hierbei der digitale Radiostandard DAB+. Eine Session mit dem Titel „Going for a digital future“ lieferte Zahlen & Fakten zur DAB+ Verbreitung in Europa: Deutschland hängt im Europavergleich stark hinterher. Die Briten haben die Vorteile des digitalen Rundfunks schon für sich entdeckt. Spannend ist die Entwicklung unserer skandinavischen Nachbarn. Norwegen hat sich vorgenommen bis 2017 nur noch digital über DAB+ zu senden – UKW adé! Generell haben wir die skandinavischen Vertreter als sehr innovativ und modern kennengelernt.

Matthias Pfaff von Regiocast präsentierte dessen erfolgreichen digtal-only-Spartensender 90elf. Ein Fußballradio mit ausschließlich sportlichen Inhalten, dessen Programm sich teilindividualisieren lässt. Auch wenn der Sender noch nicht kostendeckend arbeitet, so zeigt sich ein klarer Zuhörerwachstum in den letzten drei Jahren. Daumen hoch für Regiocast, die hier langen Atem beweisen. Von Projekten und Programminitiativen wie diesen wünschen wir uns zukünftig viel mehr.

Das mobile Web kämpft noch mit vielen Missverständnissen

Wenn es um Zukunftstechnologien geht, dann führt kein Weg am mobilen Web vorbei. Die Bedeutung von Smartphones für Massenmedien wächst stark! Dies sollte in der Session „Radio Strategies for smartphones“ aufgegriffen werden. Bernhard Bahners von radio.de sprach zum Vorgehen bei der Entwicklung einer Radio App, blieb hierbei jedoch leider sehr oberflächlich. Joel Ronez von Radio France zeigte hingegen sehr anschaulich wie das öffentlich-rechtliche Radio in Frankreich eine vorbildliche Gesamtstrategie für das mobile Web umsetzt und Gunnar Garfors aus Dänemark zeigte innovative Werbe- und Erlöskonzepte.

Die Session erfüllte insgesamt unsere Erwartungen nicht. Gerade von einem etablierten digitalen Akteur wie radio.de hätten wir mehr Lösungen als allgemeinformulierte Empfehlungen erwartet, die auch wenig direkten Bezug zum Medium Radio aufwiesen.

Personalisiertes Radio ist keine Allheilmittel

Neben DAB+ wurde sehr häufig das personalisierte Radio als der sichere Weg in eine segenreiche digitale Zukunft gelegt. Der just auch in Deutschland gestartete Musikstreamingservice Spotify war ein häufig genannter Akteur. Das reden wir nicht schlecht, sehen es aber nicht als Lösungsmittel für bisher verpasste Chancen. Im Gegenteil, es zeigen sich sehr gute Anwendungsmöglichkeiten. Cilla Benkö von Sveriges Radio berichtete in der Radio Labs Session, in der auch wir einen kurzen Slot hatten, wie man Spotify um eigene journalistische Beiträge füttert und damit auf der Plattform Spotify als Radiosender Präsenz zeigt – ein überaus interessantes Modell!

Aufgepasst werden muss, dass man sich nicht selbst hinter Distributionsdiensten versteckt und in die Bedeutungslosigkeit abdriftet. Sehr oft vernachlässigt werden dabei nämlich Nutzungsgewohnheiten der Hörer: Nur weil das Internet unzählbar viele Möglichkeiten an Programmselektion bietet heißt dies nicht, dass der Nutzer sie alle wahrnehmen möchte. Die Erfahrung lehrt uns das Gegenteil, daran haben sich andere Medien bereits die Finger verbrannt. Die Nutzer, die zu „faul“ sind oder jede, die technisch schlicht nicht in der Lage sind, sich Radio zu personalisieren werden bei dem viel propagierten Wandel außen vor gelassen.

Bequem sind nicht die Hörer, sondern die Sender

Das Radio in Europa und speziell in Deutschland versucht krampfhaft lieb gewonnene Strukturen beizubehalten. Die UKW Hoheit sicherte ihnen bisher ein Monopol in der monodirektionalen Höreransprache. Nutzungsgewohnheiten der Hörer/Nutzer verändern sich. Radiosender sind gut beraten die Wirkmechanismen der neuen Medienstrukturen besser zu verstehen und ihre Hörer neu kennen zu lernen. Die Radiosender sollten die Zeit nutzen, neue Wege und Strategien sinnvoll zu planen. Dabei sollten sie dringend Acht geben, sich nicht zu sehr an dem Einbahnstraßenmodell individualisiertes Radio zu klammern. Ob das funktioniert und wie dies aussieht sehen kann, werden wir im nächsten Jahr sehen, bei den Radiodays Europe 2013 in Berlin. Mit uns.

Kategorie:

Markt

Datum:

19. März 2012

Autor:

Hannes Mehring, Geschäftsführung, UX Konzeption

Hannes ist Gründer von CrowdRadio. Schon während seines Medienwissenschaft-Studiums beschäftigten ihn, welche Auswirkungen die übermächtig scheinenden sozialen Medien auf klassische Medien haben - der Grundstein für CrowdRadio. Hannes hat ausgeprägte norddeutsche Wurzeln, weshalb er seinen Hang zur Natur gerne auch auf dem Wasser auslebt.

Kommentare

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  1. Radiodays Europe 2012 in Barcelona | RADIOSZENE

    25. März 2012, 21:24

    […] Bequem sind die Sender, nicht die Hörer […]

  2. Radiodays Europe 2013: Wir sind mit CrowdRadio dabei! | Social Media Schmiede

    17. Januar 2013, 16:24

    […] sind wir schon so etwas wie Stammgäste: Bereits zum zweiten Mal werden wir die Radiodays Europe besuchen. Diesmal nicht im sonnigen Süden, sondern im kalten […]

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