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WWF-Vorwürfe: Wie eine Diskussion vom TV ins Social Web wechselt

Am späten Abend des 22. Juni sendete die ARD eine Dokumentation mit dem Titel „Der Pakt mit dem Panda – Was uns der WWF verschweigt“ (Beitrag in der ARD Mediathek). In der Dokumentation wird dem WWF vorgeworfen, die Organisation unterstütze durch ihr Verhalten den Anbau gentechnisch veränderter Pflanzen, wäre unter Umständen käuflich sowie toleriere die Zerstörung der Regenwälder für Agrarflächen und ließe sich auf Milchmädchenrechnungen ein. Im Laufe der Dokumentation kommt eine Sprecherin des WWF zu Wort, die sich einigen Fragen des Journalisten stellt und nach wenigen Momenten völlig entwaffnet und unglaubwürdig wirkt. Die Vorwürfe sind verheerend, trotz teilweise etwas einseitig wirkender Berichterstattung scheinen die Fakten glaubwürdig.

Doch was passierte nun an dem Abend der Ausstrahlung im Social Web? Gegen 0:00 Uhr tauchten die ersten kritischen Kommentare von Fernsehzuschauern auf der Pinnwand der WWF-Deutschland-Facebookseite auf. Die Rede war von Empörung und der Aufforderung zur Stellungnahme. Um 0:15, nach Sendungsende, wurde es turbulent. Im Minutentakt erschienen kritische Kommentare und Beschimpfungen. Auch die Twitteraccounts @wwf_deutschland sowie @wwf_antwortet wurden mit Zuschauerfeedback bombardiert. Am kommenden Morgen, gegen 8 Uhr, waren über 70 Kommentare auf Facebook eingegangen und ein Vielfaches davon auf Twitter.

Was hier geschah wird in Social Media Kreisen gerne „Shitstorm“ genannt, die massenhafte Beschimpfung eines großen „Gegenspielers“. In der Regel sind Konzerne die Adressaten dieser Beschimpfungen. Der Abend des 22.6. war somit in doppelter Hinsicht interessant, zum Einen weil sich die Beschimpfung gegen eine NGO richtete – häufig sind NGOs die Organisatoren von Shitstorms gegen Konzerne (Stichwort Greenpeace/Nestle). Zum anderen aber, weil ein Thema durch seine Brisanz binnen weniger Minuten den einseitigen Kommunikationskanal „Fernsehen“ verließ und auf den zweiseitigen Kanal „Internet“ wechselte. Der Vorwurf, das Fernsehen sei „Nebenbeimedium“ und „lean-back-Medium“ ohne Nutzerinteraktion schien nicht mehr zu gelten. Vielmehr riefen sich eine signifikanten Anzahl von Zuschauern sofort die Möglichkeit eines Feedbackkanals ins Gedächtnis und gaben Ihrer Empörung ein Ventil.

Die Stellungnahme des WWF

Der WWF reagierte prompt und lies über die Facebook Pinnwand und durch Antworten auf Twitter verlauten, dass man an einer Gegendarstellung arbeite und alle Vorwürfe widerlegen könne. Und in der Tat setze man sich noch des Nachts an eine Stellungnahme und veröffentlichte diese am Morgen auf wwf.de.

Hier muss man dem WWF, besonders Paula Hannemann, Social Media Managerin beim WWF Deutschland, ein Kompliment aussprechen. Weder wurden Kommentare gelöscht, noch hüllte man sich in Schweigen. Das Feedback wurde ernst genommen und Fragen beantwortet. Auch, dass zu so später Stunde überhaupt noch jemand den nahenden „Shitstorm“ bemerkte, spricht für das Social Media Management.

Weniger unproblematisch scheint mir hingegen die Stellungnahme an sich. Der WWF weist im „Faktencheck“ alle Vorwürfe von sich und unterstellt dem WDR sinnentstellende Zusammenschnitte von Interviews und O-Tönen. Dieses Verhalten macht den WWF nicht unbedingt glaubwürdiger. Die Vorwürfe aus der Dokumentation klangen zum Teil sehr plausibel. Auf dessen Fakten ging der WWF im „Faktencheck“ hingegen nicht ein. Durch das rigorose Abstreiten aller Vorwürfe hat die Organisation nun der Community Tür und Tor geöffnet, um gegen sie zu recherchieren. Im zeitlichen Verlauf verspielte sich die Umweltorganisation. Lieber Fakten prüfen statt diese im selben Atemzug abzustreiten hätte einen Zeitgewinn und Steigerung der Glaubwürdigkeit gegenüber der Community bedeutet. Vermutlich hat der WWF durch seine Reaktion die Umstände schlimmer werden lassen, als sie möglicherweise sind.

Angenommen, einige Vorwürfe stimmen nun doch, ist der Schaden für die NGO womöglich groß. Die Glättung dieser Wogen wird sehr viel schwieriger, als die über Social Media öffentliche Aufarbeitung der Vorwürfe und Dokumentation der Gegenmaßnahmen. Die Organisation ist auf den guten Willen ihrer Spender angewiesen. Es gilt zu beobachten, ob die ARD mit der Ausstrahlung einer kritischen Dokumentation einen Stein ins Rollen gebracht hat, der dem WWF nachhaltig schaden hinzufügt.

Kategorie:

Markt

Datum:

23. Juni 2011

Autor:

Hannes Mehring, Geschäftsführung, UX Konzeption

Hannes ist Gründer von CrowdRadio. Schon während seines Medienwissenschaft-Studiums beschäftigten ihn, welche Auswirkungen die übermächtig scheinenden sozialen Medien auf klassische Medien haben - der Grundstein für CrowdRadio. Hannes hat ausgeprägte norddeutsche Wurzeln, weshalb er seinen Hang zur Natur gerne auch auf dem Wasser auslebt.

Kommentare

  1. Hubert Stuhldreier

    23. Juni 2011, 20:17 · Antworten

    Für mich war der Fernsehbericht absolut glaubwürdig. Spätestens als die WWF-Mitarbeiterin die Vernichtung von mehr als 14.000 qkm Waldfläche und das mit dem Hinweis hinnahm, dass ja schließlich 90 qkm gerettet werden und damit gerechtfertigt wurde, dass das ausreicht, dass die Waldvernichter das grüne Zertifikat bekommen, war mir klar, das wohl auch die anderen Vorwürfe stimmen würden.
    Von dieser Ansicht werde ich mit Sicherheit nicht deswegen abrücken, weil der WWF alles abstreitet. Solange der WWF keinen Faktencheck gegen die Vorwürfe vorlegt, rufe ich die Menschen auf auf Spenden an diese („gemeinnützige“??) Organisation zu verzichten.

  2. Silvio Kühm

    23. Juni 2011, 23:09 · Antworten

    ag(g)ro-business? die lokalen stämme sollen auf den plantagen arbeiten?!? kann sich denn kein mensch mehr vorstellen den wald „als die quelle des lebens“ zu sehen? es gibt wohl leute, die ohne geld und halsabschneiderei zurecht kommen. und diese sind zu beneiden!

  3. Silvio Kühm

    23. Juni 2011, 23:19 · Antworten

    btw: good joob hannes, crossmedia klingt doch nach zukunft! lass da mal lieber diskutieren. 🙂

  4. Steffen

    23. Juni 2011, 23:23 · Antworten

    Die Dokumentation ist schon ein paar Tage länger bekannt, klar Fernsehprogramm wird ja auch nicht von heute auf morgen gesetzt. In einem anderen Bogbeitrag steht, dass sie sogar gegen Aussagen der Doku geklagt hätten und sich natürlich auch eeetwas mehr als ein paar Stunden haben verbereiten können.

  5. Hannes Mehring

    Hannes

    23. Juni 2011, 23:38 · Antworten

    @Silvio Crossmedia, darum gings mir auch eigentlich 😉

    @Steffen: Ja, das habe ich eben auch auf Spiegel Online gelesen. Der WWF hat versucht rechtlich gegen die Doku vorzugehen und der Twitteraccount @WWF_antwortet ist wohl auch nur wegen der Doku initiiert worden. Das relativiert natürlich etwas die schnelle Reaktion. Das inhaltliche Problem der Stellungnahme sehe ich dennoch.

  6. Roland

    24. Juni 2011, 9:26 · Antworten

    Allein die Behauptung, der WWF kooperiere nicht mit Monsanto und folgender Link hat mich dazu gebracht, Spenden erst einmal einzustellen.
    http://www.globalharvestinitiative.org/aboutus.htm
    Hier stehen beide auf ein und der selben Internetseite.
    Mit so offensichtlichen Lügen kann der WWF nur Mitglieder verlieren.

  7. Kristin Irmisch

    24. Juni 2011, 12:57 · Antworten

    Bist du dir sicher, dass wirklich keine Kommentare gelöscht wurden? Ein paar Bewschwerden diesbezüglich gab‘ es ja schon auf der Fanpage und ich kann mir nicht vorstellen, dass die alle nur den “most recent” bzw. “neueste Beiträge”- Button nicht gefunden haben.
    Aber beweisen kann ich leider weder das eine noch das andere.

  8. Hannes Mehring

    Hannes

    24. Juni 2011, 13:06 · Antworten

    @Kristin: Sicher bin ich mir natürlich nicht. Wäre interessant zu wissen, wer seinen Kommentar vermisst. Die Wahrscheinlichkeit, dass jemand den „neueste Beiträge“ Button nicht gefunden, ist aber schon relativ hoch.
    Ich habe an dem Abend noch bis etwa 1:00 Uhr alle Kommentare per Screenshot festgehalten. Kann ich Dir geben, falls Du vergleichen möchtest 😉

  9. bloomingdales coupon code june 2012

    14. Dezember 2013, 1:16 · Antworten

    naturally like your web-site however you have to check the spelling on several of your posts. Several of them are rife with spelling issues and I to find it very troublesome to tell the truth then again I’ll definitely come again again.

Pingbacks

  1. Bio Natur - Der Weblog » Eine Botschaft des WWF an Dich

    13. Juli 2011, 20:22

    […] Der Begriff “Shitstorm” ist in diesem Zusammenhang nichts Anrüchiges, sondern ein durch das Medium Internet hervorgerufenes Phänomen, welches unsachliche Kritik, Beschimpfungen und persönliche Beleidigungen gegen meist große Konzerne und deren auf den Diskussionsplattformen Rede und Antwort stehenden MitarbeiterInnen dieser Arbeitgeber. Oder wie in diesem Falle den WWF betreffen, welcher durch den filmischen Beitrag “Der Pakt mit dem Panda – Was uns der WWF verschweigt” und der damit bekannt gewordenen Vorkommnisse, Skandale oder Unregelmäßigkeiten einen Sturm der Entrüstung nach sich zieht. Dazu vielleicht weiterführend Hannes Mehring: WWF-Vorwürfe: Wie eine Diskussion vom TV ins Social Web wechselt.   […]

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