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Der Weg ist das Ziel – neue Anforderungen an eLearning

Es ist nur schwer möglich, alle am Markt befindlichen eLearning-Plattformen ausführlich zu testen. Ich habe dennoch versucht, mir einen Überblick über einige gängige Systeme (Ilias, Moodle, Metacoon, StudIP und Blackboard) zu verschaffen. Mal abgesehen davon, dass es keines der hier genannten Systeme schafft, eine wirklich ansprechende und intuitiv zu bedienende Oberfläche bereit zu stellen, habe ich aus Anwendersicht einen ganz anderen Punkt zu kritisieren: Das verfolgte Ziel.

Der Text ist etwas länger geworden. Wem er zu lang ist, kann auch gleich zum Fazit springen.

Die Adaption von Onlinemedien in den Unterricht verfolgt meines Verständnisses nach zwei wesentliche Ziele: Zum einen die Vermittlung des Stoffes auf neuen Wegen. Zum anderen das Erlangen von Medienkompetenz in Hinblick auf die Verwendung von digitalen Medien. Vermutlich wird sich die Gewichtung im Laufe der Zeit verändern. Solange die Generation der Digital Natives den gesellschaftlichen Alltag nicht maßgeblich bestimmt, sollte die zu erlangende Medienkompetenz die größere Rolle spielen. Um mich dem Problem zu nähern, versuche ich zunächst den Status quo zu erläutern, die Anforderung an Systeme zu nennen und schließlich einen konkreten Lösungsansatz vorzuschlagen.

Medienkompetenz

Den Ansatz, Kindern und Jugendlichen Medienkompetenz beizubringen gibt es. Bei uns an der TU Ilmenau wurde mit großem Tamm-Tamm das Projekt Medienbewusst ins Leben gerufen. Die Initiative hat das hoch gesteckte Ziel, Kindern und Jugendlichen die Reichweite und Auswirkung von Medien zu verdeutlichen sowie konkrete Ratschläge zum Umgang mit Medien zu liefern. Leider steht hier das Medium als einseitiger Kontaktkanal im Fokus, wie ihn „nicht-soziale“ Medien (TV, Radio, Zeitung, PC-Spiele, einseitige Internetnutzung) darstellen. Den Einsatz der Medien als zweiseitiger Dialogkanal, der ausdrücklich nicht nur zur Unterhaltung oder Meinungsbildung dient, wird leider nur angekratzt. Auf der anderen Seite wird an der Uni eine eLearning-Plattform eingesetzt, nämlich Moodle, die jene Medienkompetenzlehre völlig außer acht lässt.

Meine Beobachtung zeigt mir, dass die meisten eLearning-Systeme heute vor allem für die digitale Verteilung von Lerninhalten genutzt werden. Die Fähigkeit zum Umgang mit Medien dieser Art wird als gegeben vorausgesetzt. Dabei gibt es hier viel Nachholbedarf. Die Studierenden setzen sich mehr oder weniger willig mit der schlechten Software auseinander.

Ich kritisiere die an den Haaren herbeigezogene Interaktivität. Schüler und Studenten sollen sich in Foren austauschen und in virtuellen Klassenzimmern fragen stellen. Wer nutzt das wirklich? Auch die selten stattfindenden virtuellen Vorlesungen oder Unterrichtsstunden sind im Prinzip nur die Verteilung von Inhalten – halt als Bild und Ton mit marginaler Feedbackmöglichkeit. Eine berufs- und alltagsnahe Verwendung findet nicht statt. Dabei wäre es so wichtig, die Plattformen für die kollaborative Arbeit auszulegen und den praxisnahen Umgang zu üben.

Internes Social Media in Unternehmen

Dass die berufsvorbereitende Ausbildung eine Daseinsberechtigung hat, zeigen realistische Einsatzszenarien von digitalen sozialen Netzwerken in geschlossenen Institutionen. Das Seminar Innovatives Wissensmanagement in Organisationen, in dem ich vor Kurzem einen Gastvortrag hielt, beschäftigt sich zwei Semester lang nur mit solchen Szenarien und kam schon zu erstaunlichen Ergebnissen, die auch bald veröffentlicht werden. Der Schwerpunkt liegt dabei meistens in der kollaborativen Erarbeitung von Problemlösungen.

Der Vorteil von Social Media in Unternehmen liegt darin, dass ausgeprägte Hierarchien obsolet werden. Ein Beispiel: In der Prozesskette Produkteinkauf-Verarbeitung-Logistik-Verkauf können ohne das Einhalten einer Hierarchie Probleme an der Prozesskette erfasst und behoben werden. Der Logistikmitarbeiter teilt dem Einkäufer direkt mit, dass der Barcode an einer ungünstigen Stelle angebracht ist. Klingt super! Nur ist durch die Einsparung der Hierarchie auch eine Filter- und Übersetzungsebene verloren gegangen. Zwei Mitarbeiter, die sonst nie etwas miteinander zu tun haben und völlig unterschiedliche Kompetenzen besitzen, kommunizieren plötzlich miteinander. Und das, ohne sich dabei in die Augen zu sehen. Hier kann viel schief gehen.

Die wichtige Aufgabe, die eLearning-Systeme also übernehmen sollten – und in meinen Augen auch dafür geeignet wären – ist die Vermittlung von Kommunikationskompetenz als berufsvorbereitende Maßnahme.

Gespräche mit Unternehmensvertretern zeigten mir, dass sich die Einsatzmöglichkeiten In der Theorie sehr gut anhören aber in der Praxis leider noch zu oft fehlschlagen und für herbe Enttäuschungen sorgen. Ich denke, die Ursache ist vor allem in der Meta-Ebene zu suchen, also in der Bedienung der Werkzeuge.

Das Problem ist die Halbstandardisierung der Anwendungen: Nehmen wir an, der Logistikmitarbeiter nutzt zur Problemerfassung ein Wiki (der Standard). Die Formulierung des Problems ist dem Mitarbeiter aber (sinnvollerweise) völlig freigestellt. Die fehlende Motivation, sich für jedes Problem eine Formulierung auszudenken und das Missverstehen durch den Rezipienten führt zu Enttäuschung. Das Ergebnis ist, dass das das System nicht genutzt wird. Der Aufwand für die Problemdokumentation in unserem Beispiel wird schnell größer, als die Verpackung zu drehen, um an den Barcode zu kommen.

Neue Anforderungen an eLearning-Systeme

Also ist es im Sinne der Prozessoptimierung wichtig, die Anforderungen in die Schulung von Medienkompetenz einzubeziehen. Die Grundlage der Kompetenzschulung sollte sein, den Umgang mit Social Software zu üben:

  • Formulieren lernen: Damit jemand ein erfasstes Problem versteht und mit dieser Information weiter tätig werden kann, ist die knappe Formulierung des Sachverhaltes ist wichtig.
  • Verstehen lernen: Wie oben gesehen, kann die Prozessoptimierung daran scheitern, dass das Problem nicht ausreichend formuliert ist. Das Verstehen knapper oder unvollständiger Formulierungen ist deshalb ein wichtiger Skill. Man muss lernen, mit einem Sachverhalt umzugehen, der nicht zur Vollendung ausformuliert ist und man muss lernen eigenes Wissen sinnstiftend hinzuzufügen. Dieses Problem ist übrigens auch im bekanntesten Wiki-System, der Wikipedia, allgegenwärtig. Wer einen Artikel anlegt, der nur aus ein, zwei Sätzen besteht, muss mit dessen Löschung rechnen.
  • Auswahl treffen: Schließlich muss die Auswahl des geeigneten Tools geübt werden. Aus einem Pool an social Software, sind nicht alle Tools für jede Aufgabe gleich gut geeignet. Ein Beispiel: Man könnte alle Links zu einem Thema auch in einem Wiki sammeln. Sinnvoller ist für diese Aufgabe ein (social) Bookmarking-Tool wie delicious, weil es für Standards vorhält (Verschlagwortung, RSS-Feed usw.)

Die regelmäßige Anwendung der genannten Punkte führt hoffentlich dazu, dass sie in Fleisch und Blut übergehen, die Inhalte in den Vordergrund kehren und eine Prozessoptimierung nicht am Verständnis scheitert.

Problemlösung durch „Liquid Democracy“

Wir sehen, dass das gemeinschaftliche Lösen von Aufgaben eine wesentliche Rolle für social Software spielt. Neben der Übung zum Umgang, steht eine Weiterentwicklung des Systems ebenfalls im Vordergrund. Für eLearning-Software bedeutet das, jene Software-Lösungen aus der Berufswelt adaptieren zu müssen, um eine realistische Übungsbasis zu schaffen.

Es gibt einen anderen Bereich in unserer Gesellschaft, der sich momentan mit ähnlichen Fragen quält und vielleicht eine Lösung parat hat: die Politik. Wie schafft man es gemeinschaftlich ein Problem zu formulieren, anschließend eine oder mehrere Lösungen zu entwickeln und schließlich über die beste Lösung abzustimmen? Es ist möglich. Und das Kind hat auch schon einen Namen: Liquid Democracy (1, 2). Die Piratenpartei ist derzeit dabei, ihre Parteistruktur auf dieses System umzustellen.

Grundlage von Liquid Democracy ist eine Software und die Annahme, dass eine (demokratische) Basis existiert, die kollaborativ agiert. Sie arbeitet gemeinsam an mehreren systematisch zusammenhängenden Mini-Wikis: Ein Wiki für das Problem, mehrere Wikis für die Lösungsansätze und schließlich ein Votingtool, welches über die Lösung abstimmt. Ein Beispiel für Software, die sich etablieren könnte, ist adhocracy.

Wäre es nicht sinnvoll ein eLearning-System zu schaffen, in dem liquid-democracy-Software die Kernfunktion darstellt? Berufsvorbereitend wäre es. Aber vermutlich verträgt sich das mit unserem derzeitigen Bildungssystem noch nicht.

Der Umkehrschluss: Neue Anforderungen an Lehrinhalte

Wie realitätsfremd das überwiegend in Deutschland existierende Bildungssystem ist, wird einem jetzt mal wieder deutlich. Der Methode des problemorientierten Lernens, die wir hier im Prinzip verfolgen, haben sich eine Reihe von Pädagogen angenommen. Leider ist mir diese Methode in meinem Lern- und Prüfungsalltag bislang selten begegnet. Solange wir mit dem System „Bulimielernen“ offensichtlich leben können, müssen wir wohl weiterhin mit schlechten eLearning-Systemen vorlieb nehmen.

Fazit

Wir haben eLearning-Systeme, die sich der heutigen Lernsituation anpassen. Es werden Inhalte vorgekaut, wir speichern diese und geben sie in Prüfungen wieder. Die meisten Systeme sind nur elektronische Dokument-Verteil-Software. Was wir aber brauchen, sind Lösungen, die kompatibel sind mit dem Social Media-Alltag der Zukunft. Das bedeutet, wir brauchen Plattformen, mit denen wir kollaborativ Problemlösungen entwickeln, um den Umgang damit zu üben.

Ein möglicher Ansatz, um mit Social Software problemorientiertes Lernen einzuführen, wären Tools, die für Liquid Democracy entwickelt wurden. Sie führen einen Minimalstandard ein für den Prozess Problemformulierung, -lösung und Abstimmung. Hierfür müssten sich allerdings auch die Lernstrukturen ändern – wir befinden uns leider in einem Kreislauf.

Kategorie:

Markt

Datum:

18. Januar 2010

Autor:

Hannes Mehring, Geschäftsführung, UX Konzeption

Hannes ist Gründer von CrowdRadio. Schon während seines Medienwissenschaft-Studiums beschäftigten ihn, welche Auswirkungen die übermächtig scheinenden sozialen Medien auf klassische Medien haben - der Grundstein für CrowdRadio. Hannes hat ausgeprägte norddeutsche Wurzeln, weshalb er seinen Hang zur Natur gerne auch auf dem Wasser auslebt.

Kommentare

Keine Kommentare vorhanden.

Pingbacks

  1. funkenflug » Blog Archive » Das Dilemma mit dem eLearning

    18. Januar 2010, 17:00

    […] Mehring hat sich gerade in seiner Social Media Schmiede über die grundlegenden Schwächen von eLearning-Systemen und die Unklarheit über die […]

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